Das Haus ist eingerichtet, die Kinder haben sich im Kindergarten eingelebt, der Führerschein ist gemacht, jetzt war endlich Zeit mein nächstes Chinaprojekt in Angriff zu nehmen – Chinesisch lernen.

Ich machte mich schlau, welche Möglichkeiten es gibt Chinesisch zu lernen. Sprachschulen gibt es in Peking wie Sand am Meer. Am meisten reizte mich eine Sprachschule, die ich als Empfehlung bekommen hatte, sie liegt in der Verbotenen Stadt, auf dem Gelände des Kaiserpalastes. Eine Sprachschule mitten im ursprünglichen China, im Herzen Pekings und dazu noch mit Schülern aus aller Welt! Das hörte sich doch fantastisch an.

 

Chinesisch lernen im Herzen Pekings –  © Sprachcaffe

Hätte ich die Schule bereits von Deutschland aus gebucht, hätte ich mich mit Sicherheit dort angemeldet. Da ich jedoch schon einige Monate in Peking lebte, realisierte ich leider, wieviel Zeit ich auf der Strecke lassen würde. Meistens, wenn man viel Zeit zum Abwägen hat, gewinnt diese mistige Vernunft die Oberhand. So auch in diesem Fall. Ich verabschiedete mich von meinem idyllischen Lernort, folgte der Vernunft und einer weiteren Empfehlung. Dabei handelte es sich um eine ebenso bewährte Schule, nicht weit entfernt von unserem Haus. Die freundliche Dame am Telefon klärte mich über verschiedenen Möglichkeiten auf, unter anderem, dass sie auch Einzelunterricht anbieten und der Lehrer gerne auf Wunsch nach Hause kommt. Perfekt, so konnte ich die Fahrzeit sparen und mit Privatlehrer geht es noch schneller Chinesisch zu lernen (das nahm ich zumindest an) und mir blieb somit mehr Zeit für andere Projekte, für die ich meine kostbare freie Zeit nutzen konnte. Außerdem fasste ich den Entschluss, sollte ich irgendwann in China Sprachurlaub machen, dann würde ich mit Sicherheit ins Sprachcaffe kommen.

Lǎoshī mein Lǎoshī

Sehr schnell war alles geregelt und in der kommenden Woche ging es bereits los. Aufgeregt richtete ich Stifte, Papier und alles was ich dachte zu benötigen her und wartete ungeduldig. Die Zeit verstrich und … der Lehrer kam nicht. Es war bereits 10 Minuten nach der verabredeten Uhrzeit. Ungeduldig lief ich auf und ab und in dem Moment als ich bei der Sprachschule anrufen wollte, klingelte das Telefon. Die Dame vom Frontdesk murmelte etwas auf Chinesisch, davon kannte ich zwei wesentliche Worte bereits „Lǎoshī“ und „dàole“ – was so viel hieß wie „Der Lehrer ist da!“. Wunderbar! Ich warte mit einem kleinen Abstand zur Tür um schnell, aber nicht zu schnell an der Tür zu sein, um dem Anstand entsprechend, dem Besucher nicht das Gefühl zu geben hinter der Tür zu lauern. Aber … er kam immer noch nicht! Weitere 15 Minuten verstrichen und inzwischen hatte ich aufgrund meiner Aufregung jeglichen Anstand vergessen und klebte am Fenster wie Kinder, wenn sie aufs Christkind warten. Und dann endlich … in Begleitung von drei Guards eskortiert bog er um die Ecke. Schnell entfernte ich mich vom Fenster und wartete in Höflichkeitsabstand, um dann möglichst gelassen die Tür zu öffnen. Vor mir stand ein junger Mann Anfang zwanzig, der sichtbar aufgelöst war. Er entschuldigte sich auf Englisch, dass er wohl erst in den falschen Bus gestiegen war und sich nachdem er dann endlich hier gelandet war, auf dem Compoundgelände verlaufen hatte. Die netten Guards hatten ihm schließlich, nachdem er das Haus nicht fand und ziellos durch den Compound irrte, direkt zu unserem Haus eskortiert. Die drei grinsenden Guards standen immer noch vor der Haustüre und lauschten seinen englischen Erklärungen, die sie zwar nicht verstanden, den Inhalt jedoch genau kannten. Ich winkte ihnen und sagte mehrfach „Xie xie! – Danke!“ und schloss die Tür, sonst hätten sie sicher noch länger unserem Gespräch gelauscht, amüsiert und mit offenen Mund, als wäre es die Inszenierung eines Theaterstücks. Mein „Lǎoshī – Lehrer“ stellte sich als Cheng vor, meinte aber dann: „But you can also call me Kevin.“ Ich war kurz irritiert, wusste aber dann gleich warum er mir einen komplett anderen und zudem englischen Namen anbot. Viele jüngere Chinesen, vor allem wenn sie Kontakt zu westlichen Ausländern haben, verwenden einen englischen Namen. Entweder um es den sperrigen Zungen der Westler einfacher zu machen oder weil sie es besonders „cool“ finden einen englischen Namen zu haben. Besonders beliebt bei jungen Frauen sind Namen wie Cindy, Judy, Wendy, Abbie, Joan, Jean, Jenny oder Mandy. Bei jungen Männer wiederum sind es vor allem Namen wie Kevin, Peter, Jason, Jack, Ricky oder Steven. Gerne werden aber auch exotische Namen wie Rainbow, Sky, Apple, Saphir, Cherry oder Moon verwendet. Nach kurzem Nachdenken erwiderte ich: „I prefere Cheng!“ Da ich es eher komisch fand einen englischen Fantasienamen zu verwenden, zumal ich ja schließlich Chinesisch lernen wollte, außerdem kannte ich bereits einige Kevins, aus dem Clubhaus, Computershop,  Supermarkt und …

 

Flüchtige Kunst – Chinesische Schriftzeichen mit Wasser gemalt

Beiß die wächserne Kaulquappe

Bei meinem Chinesisch-Unterricht griffen wir unmittelbar wieder das Thema Namen auf. Cheng wollte mir einen chinesischen Namen basteln. Das ist nicht außergewöhnlich, da unsere Sprache mindestens genauso schwer zugängig für chinesische Zunge ist, im Besonderen und bekanntermaßen das „r“. So werden westliche Vor- und Familiennamen, aber vor allem Firmennamen in chinesische Schriftzeichen umgebaut wie z.B. bei Coca-Cola. Optimalerweise findet man einen ähnlichen Klang sowie ein zum Menschen oder der Firmenphilosophie passende Bedeutung.

1927 wurde Coca-Cola in China eingeführt, umgehend wurden die chinesischen Händler aktiv und kreierten die fantasievollsten Namensvarianten. Mit Sicherheit gaben sie sich sehr viel Mühe chinesische Zeichen zu finden die sehr ähnlich klangen. Weit weniger Aufwand betrieben sie allerdings damit einen Sinn in den Namen zu finden. Von Coperate Identity und Markenimage waren sie gedanklich vermutlich sehr weit weg. Philosophische Ansätze, basierend auf konfuzianischen Weisheiten oder chinesischen Sprichwörtern, konnte ich hinter Namensgebungen wie „Beiß die wächserne Kaulquappe“ oder „weibliches Pferd befestigt mit Wachs“ zumindest nicht unmittelbar finden.

Die Coca-Cola-Company, bekannt als Meister des Marketings, konnte diesen inhaltlichen Missstand natürlich so nicht weiterbestehen lassen und setze umgehend eine Meute kreativer Transkribierer darauf an das Problem zu lösen. Und alsbald wurde der heutige Name Kĕkŏu Kĕlè kreiert, was „dem Mund ermöglichen jubeln zu können“  bedeutet. Einen besseren Namen und Markenbotschaft kann man für ein Getränk kaum finden. Die Coca-Cola Company war wohl am Höhenpunkt ihrer kreativen Schaffensphase, denn bereits vier Jahre später landeten sie einen ihrer größten Marketingcoups, mit dem rotweiß in Coca-Cola-Farben gekleideten Nikolaus.

Übrigens wenn man in China eine Coca-Cola bestellt, beschränkt man sich üblicherweise, genau wie bei uns, auf das Wort Cola. Ich musste lange üben bis ich Kĕlè richtig aussprechen konnte. Das Wort wird bei der Aussprache hauptsächlich in der Kehle und auf der Zunge balanciert. Ein leichtes Würgen beim Aussprechen, als müssten man das Wort aus der Kehle auswürgen, hilft bei der Aussprache. Diesen Nebeneffekt – den vermutlich nur wir Westler überhaupt bemerken – war mit Sicherheit nicht im Sinne der Coca-Cola-Company. (Wer sich eine Vorstellung vom Klang machen möchte, der klickt einfach auf diesen Link “Aussprache Kĕkŏu Kĕlè” und danach auf das kleine Lautsprechersymbol über dem chinesischen Wort Kĕkŏu Kĕlè und schon habt ihr eine Idee.)

Jetzt bin ich total abgeschweift und nein, ich werde nicht von Coca-Cola gesponsert. So schnell verliert man sich in der chinesischen Sprachwelt.


“Ich glaub ich steh im Wald!”

Cheng klärte mich auf, dass es in der chinesischen Sprache eine Art Lautschrift – genannt Pinyin – gibt. Chinesische Schriftzeichen werden hànzì genannt. Er überreichte mit feierlich ein hübsches Heftchen mit lustigen Bildchen darauf, er meinte da könne ich meine Schriftzeichen reinmalen und üben. Schon lernte ich mein erstes Schriftzeichen 人 rén, es steht für Mensch. Um Schriftzeichen möglichst schnell und einfach zu lernen, machen sich Chinesen gerne Eselsbrücken. Meist hat das Zeichen auch tatsächlich einen sinnhaften Zusammenhang mit dem, für was es steht. Wenn man zum Beispiel dem Schriftzeichen 人 rén einen kleinen Kopf aufmalt, links und rechts Ärmchen und unten jeweils zwei Schühchen ergänzt, so hat man schon sein kleines Menschlein. Eigentlich ganz logisch, meine erste Eselsbrücke hatte ich direkt überquert. Und schon ging es weiter mit dem nächsten Schriftzeichen, dem Zeichen für China. Ein Viereck mit einem Strich mittendurch 中. Es bedeutet eigentlich Mitte, steht aber auch für China – das Land der Mitte, erklärte mir Cheng. Im antiken Asien lag China in der Mitte, der damals in China bekannten Welt. Um China herum gab es viele kleine Fürstentümer und Königreiche. China lag inmitten all dieser Kleinstaaten. Manchmal wird zu dem Zeichen 中 auch noch guó 国 ergänzt. Guó 国 heißt Land, Staat, Reich. Begeistert, da ich bisher nur genickt hatte, machte Cheng zügig weiter und erklärte mir, dass sich Schriftzeichen häufig aus verschiedenen Zeichen zusammensetzen wie z.B.

steht für Baum,

lín steht für kleiner Wald und

sēn für großer Wald.

Wie logisch, so kann man sich Schriftzeichen wirklich sehr leicht merken! “How many characters (Schriftzeichen) do exist?”, fragte ich ihn neugierig. Er führte aus, dass es insgesamt ca. 87.000 Schriftzeichen gibt, von denen der Großteil jedoch nur selten verwendet wird. Für den alltäglichen Gebrauch reichen „nur“ 3.000 bis 5.000 Zeichen. Also alles gar kein Problem!!!

Cheng machte fröhlich und höchst motiviert weiter, mein panischer Gesichtsausdruck schien ihm komplett zu entgehen. Er meinte, er hätte noch ein schönes Beispiel wie sich Zeichen zusammensetzen. 果 guǒ z.B. ist das Zeichen für Frucht, es besteht aus den beiden Zeichen für Garten und Baum (Garten 田und Baum 木). Irritiert fragte ich ihn: “Didn’t you say “guo” is taken for country?” Er schaute mich strafend an und antwortete mit einem langgezogenen. “Nooooo!” und ergänzte, “Completely different tones!”  Nach einer kurzen beleidigten Pause, begann er sofort die Hintergründe der verschiedenen Töne auszuführen.

Eines der wichtigsten Elemente der chinesischen Sprache sind die verschiedenen Betonungen, da sie dem Wort jeweils eine andere Bedeutung geben. Hier die verschiedenen Betonungen von Wikipedia sehr schön erklärt:

https://de.wikipedia.org/wiki/Töne_des_Hochchinesischen

Ein häufiges Beispiel, um den Unterschied im Chinesischen darzustellen, ist der Vergleich der Silbe ma und deren unterschiedliche Bedeutungen je nach Ton:

  1. Ton (gleichmäßig hohes Niveau):媽/ 妈,  ‚Mutter‘
  2. Ton (vom mittleren Niveau aufsteigender Ton):麻, ‚Hanf‘
  3. Ton (sinkt vom knapp mittleren Ton nach unten und steigt dann etwas stärker):馬/ 马,  ‚Pferd‘
  4. Ton (scharf abfallender Ton):罵/ 骂,  ‚schimpfen‘.
  5. Unbetonte Silbe: Neutraler (auch 5.) Ton (unbetont, gleichmäßig tief): 嗎 / 吗, ma (Fragepartikel)

Zur Veranschaulichung wird gern das folgende Beispiel herangezogen:

媽媽罵麻馬嗎? / 妈妈骂麻马吗?
Māma mà má mǎ ma?
Schimpft die Mutter das Hanfpferd?

Dieser Satz enthält alle Töne des Hochchinesischen.

Die Aussprachen der vier Töne mit der Silbe „ma“ zum Anhören:

Verschiedenen Töne der chinesischen Sprache zum Anhören

Nachdem Cheng mir ausführlich die verschiedenen Töne erklärt und Beispiele vorgesprochen hatte, stieg mein Frustlevel ähnlich dem 2. Ton an. Sofort kam mir eine blendende Idee, die ich Cheng unmittelbar mitteilte: Cheng, I think I don’t need the Chinese characters, I’m sure it is also fine for me to learn Chinese with Pinyin.”  Es war, als hätte ich ihn persönlich beleidigt. Heftigst schüttelte er den Kopf, fuchtelte abwehrend mit den Händen und verfiel prompt ins Chinesische: „Bù kěyǐ!“ und ergänzte gleichermaßen entsetzt wie vehement: „This is not possible!“ und führte dann ausgiebig aus, weshalb das nicht geht.

Um ordentlich Chinesisch sprechen zu können benötigt man auf jeden Fall Schriftzeichen, betonte er. Es gibt nicht nur die vier verschiedenen Betonungen, sondern viele Wörter werden absolut identisch gesprochen, haben jedoch eine komplett andere Bedeutung. In diesem Fall zeichnen Chinesen das Schriftzeichen während des Sprechens direkt auf die Hand. Resigniert fügte ich mich meinem strengen Lehrer. Was sind schon 5000 Zeichen!

Lost in Translation

Von da an kam Cheng wöchentlich für zwei Stunden vorbei. Er paukte mit mir nicht nur chinesische Wörter und Schriftzeichen, sondern vor allem lernten wir fast von Anfang an komplette Sätze. Zum ersten Mal begriff ich warum es pauken heißt. Nach einer halben Stunde Chinesisch-Unterricht dröhnte mein Hirn, als hätte ich ein halbstündiges Paukensolo dicht an meinem Ohr hinter mir. Cheng war ein unglaublich netter Mensch, freundlich und offen, aber auch mindestens so gewissenhaft und hartnäckig. Er ließ mich manchmal bis zu einer Viertelstunde nur einen Satz wiederholen! Vermutlich hoffte er, dass durch das ständige Wiederholen, der Inhalt des Satzes und die verschiedenen Betonungen, den Weg durch meine Gehirnwindungen fanden. Doch das stetige Wiederholen hatte bei mir eine absolut gegenteilige Wirkung. Umso häufiger ich den Satz wiederholte, desto mehr schienen die einzelnen Worte sich im Nirwana meiner verschiedenen Gehirnabteilungen zu verlieren, um dort nie wieder jemals zusammen zu finden. Zudem beschlich mich die grausige Erkenntnis, dass mein Lernareal, aufgrund unzureichendem Nachschub, über die Jahre restlos verkümmert war. Ein verrottetes Feld, auf dem nie wieder etwas wächst. Ich konnte mir die chinesischen Worte einfach nicht merken. Von Woche zu Woche wurde ich wütender und verzweifelter. Früher hatte ich mit Leichtigkeit Vokabeln gelernt, ohne großen Aufwand, und jetzt war diese wunderbare Lernfähigkeit dahin!?

Dazu kam, dass das ständige Wiederholen von Sätzen dazu führte, dass ich ab einem gewissen Punkt, jedes Mal das dringende Bedürfnis verspürte den armen Cheng gegen das Schienbein zu treten. Was ich natürlich niemals tat, aber ich befürchtete, dass das durchaus in absehbarer Zeit passieren könnte. Ich entschloss mich in aller Ruhe mit Cheng zu sprechen. Ich erklärte ihm, dass 2-3 Mal wiederholen doch reichen würde. Er war jedem Argument meinerseits jedoch komplett resistent. Sein hehres Ziel war es, mich ins Reich der chinesischen Sprache zu führen und leider kannte er keinen anderen Weg als Wiederholungen in der Endlosschlaufe.

Nachdem mein Hirn sowie Cheng gleichermaßen unempfänglich auf Belehrungen waren, entschied ich, dem Ganzen ein Ende zu setzen. Aufgeben war eigentlich gar nicht meins, aber so konnte es nicht weitergehen. Ich teilte Cheng mit, dass ich im Moment nicht ausreichend Zeit hätte zum Lernen und pausieren würde, bis wieder mehr Zeit war. Er fand es sehr schade, vermutlich war er jedoch auch ziemlich erleichtert, da ihn der fehlende Lernerfolg meinerseits nicht wirklich froh stimmen konnte. Nachdem ich einige Chinesisch-freie Wochen genossen hatte und mein Hirn sowie meine Lernwilligkeit sich langsam wieder erholten, kam auch mein Ehrgeiz zurück. Ich hörte mich bei Freundinnen um. Die meisten hatten keinen Einzelunterricht, sondern lernten in einer Gruppe. Eine Freundin schwärmte von ihrer Sprachlehrerin, sie meinte sie wäre fantastisch, die Gruppe sehr nett und zudem wäre es mit dem Auto nur 20 Minuten von unserem Zuhause entfernt, also auch zeitlich machbar. Das einzige Problem war, dass mir die Gruppe um ein Jahr Chinesischlernen voraus war. Ich wollte trotzdem mal dort nachfragen. Die Lehrerin war mir sofort sympathisch und sie meinte, wir probieren es einfach mit der Gruppe meiner Freundin, ansonsten gäbe es auch noch Anfängergruppen, zu denen ich jederzeit wechseln könnte.


Wie viele Tore muss ich bis ins Reich der chinesischen Sprache noch durchschreiten … !?

Wunder geschehen …

Eine andere Freundin, der ich auch von meiner Chinesisch-lern-Misere erzählt hatte, munterte mich auf und sie meinte, dass es vielen am Anfang so geht, da die Sprache für unser Ohr absolut fremd ist und aus diesem Grund, viel schwerer den Weg in unsere Gehirnwindungen schafft. Sie empfahl mir möglichst viel Chinesisch zu hören. Einfach nebenher dem Radiomoderator zuhören oder das chinesische Fernsehen laufen lassen und chinesische Songs hören. Genau das tat ich und unfassbar, sie hatte recht! Nach einiger Zeit Dauerberieselung begann mein Hirn die einzelnen Worte herauszuhören. Aus dem Einheitsbrei wurden Worte! Von denen verstand ich nach wie vor fast nichts, aber ich konnte sie unterscheiden. Außerdem war meine Lerngruppe super!  Die Anfangszeit war stressig, da mir ordentlich Vokabeln fehlten, aber wenn man anderen beim Lernen zuhört, begreift man selbst sehr viel. Die Lerntechnik war zudem eine komplett andere. Wir lernten erst einmal viele wichtige Worte, die das Fundament der Sprache ausmachten und übten, in dem wir uns mit Konversation versuchten. Etwas Gutes hatte die Repead-Lernmethode von Cheng dann doch gehabt. Meine Chinesischlehrerin meinte, ich hätte eine unglaublich gute Aussprache. Wen wundert‘s, die verschiedenen Betonungen hatten sich unlöschbar, wie eine Melodie in meine Hirnwindungen gebrannt.

Eine weitere Erleichterung kam beim Unterricht dazu, wir lernten nur eine Grundbasis an Schriftzeichen, keiner von uns hatte vor sein Leben in China zu verbringen, Chinesisch zu unterrichten oder würde Chinesisch bei der Arbeit benötigen. So kann man – zumindest bis zu einem gewissen Grundwortschatz – ebenso mit der Pinyin-Lernweise Chinesisch lernen. Das Wunder geschah und ich konnte auf einmal chinesische Vokabeln lernen wie früher zu Schulzeiten. Nach und nach ging mir auf, warum es vorher nicht funktioniert hatte. Mein Lernareal war nicht abgestorben, es musste sich nur erst mit der Sprachmelodie vertraut machen und die Art des Lernens war mit meinem westlichen Hirn nicht kompatibel. Was ich zu Anfang nicht wusste war, dass Chinesen meist anders lernen wie wir. Sie lernen viel auswendig und merken sich häufig etwas durch stetiges Wiederholen. Ich muss von jeher immer erst etwas begreifen, bevor ich mir etwas merken kann. Nachdem ich jetzt nicht mehr willkürliche Sätze und Worte lernen und wiederholen musste, sondern nach einem sinnhaften System lernte, öffnete meine Lernzentrale freundlich seine Tore. Außerdem gab es in unserer lustigen Lerntruppe aus drei Deutschen, einer Finnin und einer Holländerin, immer viel zu Lachen und es bestätigte sich mal wieder, dass Lachen und Spaß an der Sache, fürs Merken nicht unwesentlich sind.


Meine Chinesische Lerngruppe bei Halida – http://www.hlcc.asia/chinese-classes/standard-courses

Einen Grundwortschatz an Chinesisch zu besitzen kann zeitweise recht amüsant sein. Als ich in einem kleinen chinesischen Geschenkeladen war, hörte ich, wie sich der Ladenbesitzer und zwei Frauen über meine Nationalität unterhielten, sie rätselten ob ich denn nun „Fàguó rén – Französin“ oder „Měiguó rén – Amerikanerin“ wäre. Ich lauschte amüsiert. Als ich den Laden verließ, sagte ich zu ihnen freundlich: “Zàijiàn! – Auf Wiedersehen!“ und ergänzte: „Wǒ shì déguó rén – Ich bin Deutsche!“ Sie starrten mich gleichermaßen entsetzt wie überrumpelt an, prusteten aber kurz darauf los. Zu einer ähnlichen Situation kam es in einer Toilette am Waschbecken. Zwei Chinesinnen die sich neben mir die Hände wuschen, unterhielten sich ganz ungeniert darüber, wie groß ich wohl bin. Irgendwann löste ich ihr Rätseln grinsend auf und sagte: „Wǒ shì yī mǐ bā – Ich bin 1.80 groß”. Auch da gab es, nach der ersten Überraschung, vor allem viel Gekicher und es folgte ein nettes Toilettenpläuschchen.

Immer wieder kam es zu lustigen Begebenheit. Es ist äußerst interessant über was sich Menschen unterhalten, wenn sie nicht auf die Idee kommen, dass der andere sie verstehen könnte. Außer lustigen Begebenheiten, gab es aber vor allem immer mehr Möglichkeiten, bei denen ich meine Sprachkenntnisse zum Einsatz bringen konnte. Etwas Chinesisch sprechen zu können ist nicht nur überaus nützlich, sondern es erleichtert das Leben in China ganz wesentlich. Das Schönste daran ist allerdings, dass es einem die Menschen näher bringt.

Eines hätte ich jedoch früher nie gedacht, dass ich irgendwann darauf stolz wäre sagen zu können: „Ich verstehe nur Chinesisch!“

Und so geht es weiter …

Spielzeug zu kaufen im Eldorado der Spielzeugproduktion sollte unsere leichteste Übung werden. Mal wieder täuschten wir uns ganz gründlich und es kam ganz anders als erwartet …

DU MÖCHTEST AUF KEINEN FALL VERPASSEN WIE ES WEITERGEHT?

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4 thoughts on “LIVING IN CHINA – Chinesisch lernen in Peking

    1. Wanderfalke Post author

      Dachte auch ich hätte alles vergessen. Vor einigen Monaten hatte ich mal wieder Gelegenheit Chinesisch zu sprechen. War überrascht, was ich aus den Tiefen noch an Wortschatz heraus kramen konnte. Ist bei Dir bestimmt nicht anders 🙂 LG

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  1. Simone Bohl

    Liebe Silke, wie immer eine sehr anschauliche und lustige Episode aus Eurem China Aufenthalt, der arme Cheng träumt bestimmt heute noch von Dir

    Lg Simone

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