Vor einem Jahr blickte die Welt nach China. Ein beängstigendes Virus breitete sich dort zunehmend aus. Die Auswirkungen und Hintergründe dieses Virus waren weitgehend unklar. Eine Vielzahl an Nachrichten ereilte uns, vieles konnten wir nicht einordnen. Ich hatte damals einen Blogpost angefangen, jedoch keine Zeit ihn fertigzustellen … 

Wir alle werden im Moment mit Bildern aus China und dem Corona-Virus konfrontiert. Bilder die unter die Haut gehen. Uns, die wir viele Jahre in China gelebt haben, berührt dies auf eine besondere Weise. Ich blättere morgens die Tageszeitung auf, sitze abends am Fernseher bei den Nachrichten und sehe Bilder von Orten, die mir sehr vertraut sind und die eine Zeitlang unsere Heimat waren. Die vertrauen Straßen menschenleer zu sehen, löst in mir ganz viel aus. Ich denke an unsere Freunde aus aller Welt, die immer noch – oder wieder – in China leben, ich denke an unsere Ayi, unseren Fahrer und an all die Menschen in deren Mitte wir viele Jahre gelebt haben.

Zeit voller Traditionen

So hänge ich, während ich die aktuelle Berichterstattung verfolge, meinen Gedanken nach und frage mich wie sich die Menschen dort im Moment wohl fühlen, vor allem zu ihrer wichtigsten Zeit des Jahres, dem chinesischen Neujahr. Das chinesische Neujahr ist der bedeutendste Feiertag des Jahres, mit ihm sind viele Traditionen verbunden. Tradition ist es im Besonderen die Familie zu besuchen. Selten bewegen sich so viele Menschen quer durch Asien, um in die Heimat zu reisen oder um mit der Familie zusammen in den Urlaub zu fahren. Für die knapp 300 Millionen Wanderarbeiter in China, ist es oft die einzige Möglichkeit, während des Jahres Verwandte in der Heimat zu treffen.

Bilder tauchen vor mir auf vom chinesischen Neujahrsfest. Üblicherweise dauert das Neujahrsfest – auch Frühlingsfest genannt – zwei Wochen. Der Beginn des Neujahrsfestes wird vom Lunisolarkalender, dem chinesischen Mondkalender, bestimmt. Der Neujahrstag fällt auf den Neumond zwischen dem 21. Januar und dem 21. Februar. Alles ist in Rot dekoriert und die Geschäfte, die Häuser, die Straßen sind geschmückt mit roten Laternen, Spruchbändern und Glückssymbolen in goldenen Lettern. Die Farbe Rot steht in China für Wohlstand, Freude und Glück.

Vertreibung des Monsters

Ich ertappe mich, dass sich meine Hände zu den Ohren bewegen. Fast hätte ich mir unbewusst die Ohren zu gehalten, so real sind meine Erinnerungen an die Neujahrszeit. Tag und Nacht wird geballert was das Zeug hält, die gesamten zwei Wochen durch bis zum Laternenfest, das den Abschluss macht. Ursprünglich wurde, ähnlich wie bei uns, nur zu Neujahr rund um Mitternacht geschossen und geknallt. Man wollte damit den Jahresdämon Niánshòu, der einer Legende nach immer am Neujahrstag aus den Bergen kam und sein Unwesen in einem Dorf getrieben haben soll, davonjagen. Damals soll er mit Lärm, Lampen und roter Farbe erfolgreich aus dem Dorf vertrieben worden sein. Die Vertreibung des Monsters wird „Guònián“ genannt, was „Gehen des Jahresmonsters“ bedeutet und womit eigentlich das „Gehen des alten Jahres“ gemeint ist. Entweder ist die Angst größer geworden, oder der Dämon hat sich inzwischen zu einem Riesenmonster ausgewachsen, allein so lässt sich erklären warum mit solch einer Ausdauer und Ausgiebigkeit die gesamten zwei Wochen durchgeballert wird.

Üblicherweise waren wir zum Neujahrsfest verreist. Während der Springfestival Golden Week, der Frühlingsferienwoche, haben Firmen und Schulen geschlossen und somit ist dies die perfekte Gelegenheit um zu verreisen. Nur einmal machten wir den Fehler und blieben in Peking und konnten somit das zweiwöchige Geballere life miterleben.

Natürlich haben auch wir jedes Jahr unser Haus festlich dekoriert. Für die Kinder war es eine Riesenfreude, die Türen und Fenster mit Glückssymbolen zu bekleben. Laternen, Glücksknoten und bunte Stoffketten mit Tieren – bestehend aus dem chinesischen Horoskop oder aus Fischen – wurden mit Begeisterung von ihnen aufgehängt.der Fisch ist Symbol für Fülle und Wohlstand und der chinesische Glücksknoten gilt seit Jahrtausenden als Bote für gute Wünsche und als Glücksbringer. Künstler und Handwerker waren damals äußerst kreativ und wandelten Segenswünsche, in kunstvoller Knüpftechnik, zu den vielfältigsten Knotenformen um. Noch heute hat jede Knotenform ihre besondere Bedeutung wie z.B. „Glück und Langlebigkeit“. Zu Chinese New Year werden außerdem Geldgeschenke in roten Umschlägen gemacht. Unserer Ayi (Haushaltshilfe) und unserem Fahrer überreichten wir natürlich jedes Jahr feierlich einen roten Umschlag und wünschten ihnen ein frohes neues Jahr. Die Kinder rannten während dieser Zeit durchs Haus und brüllten und sangen den halben Tag den chinesischen Neujahrsgruß xīn nián kuàilè  – „Ein frohes neues Jahr“, als wollten sie auf ihre Art die Geister aus der letzten Ecke vertreiben.


 


Außer der bunten Deko liebten die Kinder, ebenso wie wir, den Löwentanz. Da wir während dieser Zeit meist in Asien verreist waren, konnten wir den Löwentanz sowie die verschiedenen Arten von Neujahrsritualen und Neujahrsdekorationen in Malaysia, Thailand, den Philippinen und Vietnam auf vielfältige Art erleben.

Der Löwentanz wǔlóng oder auch Drachentanz genannt, geht ebenfalls auf eine alte Legende zurück, in der ein Kaiser aus der Qing-Dynastie von einem mythischen Wesen, einem Glückslöwen, träumte. Um diesen Traumlöwen Leben einzuhauchen schufen Bewohner der Stadt Lingnan aus der Provinz Guangdon einen Löwen, der einen Mix aus Kampfkunst und Tanzschritten vollführte – den sogenannten Löwentanz.

All das soll dieses Jahr nicht möglich sein, weil ein Virus grassiert, dessen Auswirkungen keiner wirklich einschätzen kann. Wie traurig die Menschen in China wohl sind, da sie nun auf all die Feierlichkeiten und vor allem auf die Besuche bei ihren Familien verzichten müssen. Und nicht nur das, welche Angst sie um sich oder Lieben im Moment vermutlich haben? Wie beängstigend muss dieser Virus und die Ungewissheit was er mit den Menschen macht und wie er sich auswirkt, für die Menschen dort sein …

Nun ist bereits ein Jahr vergangen, als ich diese Zeilen geschrieben habe, wenn ich sie lese schüttle ich unbewusst den Kopf. Wer hätte gedacht, dass all das nicht lediglich China betrifft, sondern auch uns hier in Deutschland und sogar die gesamte Welt betreffen wird. Feste und Feiertage die nicht gefeiert werden konnten, Familie und Freunde die wir lange oder gar nicht treffen und Reisen die wir nicht antreten konnten. Es ist, als hätten uns die Ereignisse eingeholt. Und noch immer stecken wir mitten in der Krise. In China hat sich die Lage weitgehend beruhigt, doch in der Zeitung lese ich, dass es auch dort erneut Fälle gibt und ein Chinese New Year wird in diesem Jahr aus Sicherheitsgründen wieder nicht gefeiert. Reisen ist dort im Prinzip erlaubt, doch am 20. Januar hatte die Zentralregierung in Peking aufgerufen, auf unnötige Reisen während des chinesischen Neujahrsfestes möglichst zu verzichten, um eine unkontrollierte Ausbreitung vorzubeugen.

Wer doch reist, sollte einen negativen Corona-Test vorweisen können. Die Behörden müssen während der Reise täglich über das Befinden informiert und die Körpertemperatur muss gemessen werden, zudem muss man sich alle sieben Tage testen lassen. Dies allein würde viele nicht von der Reise abhalten, aber es kann bei Bedarf, jederzeit eine zweiwöchige Quarantäne verordnet werden und nur die Wenigsten haben ausreichend Urlaub um diesen Zeitraum abzudecken. Aktuell zeichnet sich ab, dass höchstens ein Drittel reisen wird, vermutlich weniger. Jeder fünfte Chinese gilt als Wanderarbeiter und arbeitet nicht dort wo die Familie lebt. Viele lassen zudem ihre Kinder bei den Großeltern in der Heimat. Das bedeutet, dass viele nicht nur ihre Verwandten, sondern auch ihre Kinder nicht sehen können.

Das Monster geht um

Ich lasse unser letztes Jahr Revue passieren und wie es uns damit erging. Am Anfang fand ich am schlimmsten, dass es nichts gab, an dem man solch eine Situation hätte abgleichen können. Wir standen vor einer Vielzahl an Situationen, die so für uns nie dagewesen waren. Jeder stand seinen persönlichen Ängsten „face to face“ gegenüber, die Angst um die Gesundheit, um sein Leben, um die Existenz, um unsere Lieben. Wir wurden herausgerissen aus jeglicher Normalität, aus unseren normalen Alltagsritualen. Es war als ginge ein Riesenmonster um, das sein Unwesen auf der ganzen Welt treibt und von keinem Krach, keinen Sprüchen und Farben sich vertreiben lässt. Uns blieb nichts anderes als Stille und Rückzug, zusammen mit unseren Ängsten. 
 
Jeder fand und findet seinen Weg damit umzugehen. Manche still, manche laut. Es wird diskutiert, vermutet, festgestellt, prognostiziert. Doch letztendlich, die absolute Lösung und die Wahrheit hinter all dem, was wir im Moment gegenüberstehen kennt keiner und vermutlich gibt es sie auch nicht. In dem Moment, als ich das Gefühl hatte, ich verliere mich in all den Möglichkeiten, Ängsten und Prophezeiungen, war für mich der Zeitpunkt gekommen einen Schritt zurückzutreten und den Blickwinkel zu ändern und auf das zu schauen was nach wie vor gut ist. Vieles relativiert sich, wenn man auf andere Schicksale blickt. Vor allem war jedoch für mich der Zeitpunkt gekommen, um neue Fragen zu stellen. Welche Chancen und Möglichkeiten bringt diese Situation für mich persönlich mit sich? Was genau sollte „ich“ mir in Ruhe anschauen?
 

Ob das Innehalten einem größeren Plan entspricht? Gibt es einen größeren Plan? Was wissen wir schon? Aber vielleicht ist es eine Chance für jeden Einzelnen, seinem persönlichen Monster in die Augen zu blicken und zu akzeptieren, dass man seine Ängste nicht mit Lärm und Getöse verjagen kann. Und womöglich ist die größte Angst unseres Monsters erkannt zu werden, da es so seinen Schrecken verliert.

So geht es weiter … 

Demnächst gibt es auf meinem Blog eine neue Rubrik, in der ich von unseren Reisen rund um die Welt berichte. Den Anfang macht Vietnam, mit unseren Erlebnissen in Ho Chi Minh City dem ehemaligen Saigon. Natürlich wird es auch weiterhin Geschichten, Erlebnisse und Reisen von uns in China geben. 


 

 


Spring-Festival in Vietnam TET genannt

In der Bildergalerie kannst du einen Einblick gewinnen, wie das chinesische Neujahr in Vietnam gefeiert wird. Die Bilder stammen von unserem Vietnam-Urlaub aus Ho Chi Minh-City – dem ehemaligen Saigon  – und aus der Nähe von Da Nang (Zentralvietnam).

Ohne Aprikosenbaum ist es kein richtiges Neujahrsfest in Vietnam. Man kann es mit der Wichtigkeit unseres Weihnachtsbaums vergleichen. Außer der feierlichen Dekoration soll er zudem Reichtum und Glück bringen. Die Bäume werden in großen Blumentöpfen gezüchtet und vorzugsweise mit dem Moped transportiert.

Die traditionelle Bekleidung in Vietnam heißt Ao Dai. Der Ao Dai ist eine eng anliegende Tunika, sie wird über einer weiten, bodenlange Hose getragen. Nicht nur an Feiertagen auch sonst wird heute noch viel diese Bekleidung getragen und gehört somit zum Straßenbild. 

Zu dieser Bekleidung wird der Reishut – oder auch Kegelhut genannt – getragen. Dieser Hut wird vor allem aus Palmblättern, Schilf oder aus Reisstroh gefertigt.  Mit einem Riemen wird er unterhalb des Kopfs befestigt. Er dient allerdings nicht nur als dekoratives Kleidungsstück, sondern er schützt vor Regen und Sonne und wird zudem vielseitig eingesetzt z.B. um Wasser damit zu schöpfen und daraus zu trinken, als Fächer oder als Schale zum Transport.

Der Ao Dai zusammen mit dem Reishut bieten ein Bild der Anmut. Wir blieben oft fasziniert stehen um die Schönheit dieser traditionellen Kleidung zu bestaunen und zu sehen mit welchem Stolz diese in Vietnam getragen wird.


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2 thoughts on “LIVING IN CHINA – Chinese New Year meets Corona

  1. Ute

    Liebe Silke,
    Danke für deinen tollen Beitrag. Nun sind es schon 10 Jahre, dass wir in China waren und man kann sich vorstellen,
    was Reiseeinschränkungen für einen Chinesen bedeuten. 1,4 Milliarden Menschen leben in China, unvorstellbar.
    Momentan wächst die Lust wieder zu reisen von Tag zu Tag mehr. Zumindest eine Reise zu planen, wäre schon wunderbar (ein Vogel sollte man sein 🙂 )
    Bis dahin schwelgen wir in alten Reiseerinnerungen und freuen uns auf deinen nächsten post.

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    1. Wanderfalke Post author

      Danke für Deine Worte und dass Dir mein Beitrag gefallen hat. Auch bei mir wächst, wie wohl bei so vielen Menschen im Moment, der Wunsch wieder frei reisen zu können. In der Tat wäre es wundervoll jetzt ein Vogel zu sein. So oft beneide ich die Vögel, aber jetzt ganz besonders. So breiten wir eben im Moment innerlich unsere Flügel aus und gehen in unseren Erinnerungen auf Reisen.

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