Wer träumt ihn nicht den Traum von den eigenen Bediensteten. Was Cinderella und Co. während unserer Kindheit nicht schaffen, das erledigt spätestens Hollywood mit seinen Schönen und Reichen, inklusive ihrem Personal.

Somit erliegen wir immer wieder dem Idealbild, dass alles erreicht und gut ist, wenn die Köchin, die Putzfrau, der Gärtner und der Fahrer mit freundlichem Lächeln warten, um uns hilfsbereit von den Unannehmlichkeiten des Lebens zu befreien. Lebt man in Asien, ist dieses Leben plötzlich zum Greifen nahe! Endlich nicht mehr selbst putzen, wischen, kochen, Wäsche machen!

Montags bis freitags von 9-16 Uhr sollte mir nun solch ein Zauberwesen zur Verfügung stehen. In China wird dieses Zauberwesen gemeinhin Ayi genannt, was soviel wie Tante oder auch liebevoll Tantchen heißt, jedoch Haushaltshilfe bedeutet. Mir hätte bereits von Anfang an klar sein müssen, dass es im Land von Yin und Yang, auch zu diesem Traum eine dunkle Kehrseite gibt.

Mein neues Leben als Prinzessin startete ich mit einer Ayi, die eine perfekte Synergie mit ihrem Bodenwischer war. Ihr glückliches und zufriedenes Lächeln in Verbindung mit dem Bodenwischen, hätte mich sofort stutzig machen müssen, denn außer ihrem hingebungsvollen Putzen, war es mit guten Eigenschaften bei ihr recht schnell vorbei. Das Thema Wäsche und Waschen schien ein Geheimnis der besonderen Art für sie zu sein. Geduldig zeigte ich ihr immer wieder, wie man Wäsche nach Farben und Materialien sortiert. Der Unterschied zwischen den Zahlen 30, 60 und 90 schien sich ihr einfach nicht zu erschließen. Zumal fand sie es irgendwie lustiger die Farben wild zu sortieren. Freudig erstellte sie jedes Mal eine willkürliche Auswahl, die sie glücklich in die Maschine packte, um dann – ohne Ausnahme – den Knopf auf 90 Grad zu drehen.

Die Kinder behandelte sie wie … Also sagen wir mal so, wären E.T. , Alf, oder Gollum unsere Kinder, dann wäre ihr Verhalten absolut nachvollziehbar gewesen. Gemeinsam mit uns zu essen lehnte sie ab. Entweder behagte ihr die westliche Küche nicht oder sie fühlte sich einfach unwohl mit uns zusammen am Tisch zu sitzen – was absolut in Ordnung war. Sie machte es sich jedoch zur Aufgabe, uns während des Essens keine Sekunde aus den Augen zu lassen. Sie blieb während der gesamten Zeit am Tisch stehen und ließ sich durch absolut nichts vom Tisch wegbewegen und genauso wenig war es möglich sie zu überreden, sich an den Tisch zu setzen. Was in der Realität bedeutete, sie stand bis wir fertig waren am Tischende und schaute uns beim Essen zu. Ob sie dort verblieb, weil sie meinte sie müsste uns zur Hand gehen (evtl. ein Überbleibsel aus einem alten Kaiserfilm, bei dem sie das Verhalten von Bediensteten beobachtet hatte) oder vielleicht wollte sie nur das Geheimnis ergründen, wie wir Lǎowàis (= Westler) aßen und solch merkwürdige Speisen vertilgen konnten!? Ganz klar wurde uns ihr Motiv nie. Allerdings löste das Ganze bei uns allen ein starkes Unbehagen aus, schlug uns extrem auf den Appetit und bescherte uns somit eine unfreiwillige Diät. Bei meinem Mann brachte es zudem noch ein latentes Gefühl von Aggression mit sich, was aufgrund von Dauerbeobachtung und Nahrungsentzug absolut nachzuvollziehen war.

Zwei Wochen später war es dann schließlich soweit. Ich bangte um unser aller Leben und entschied mich deshalb schweren Herzens ihr zu kündigen. Es war die einzige Möglichkeit uns vor dem sicheren Hungertod und die Ayi vor den stark zunehmenden Emotionen meines Mannes in Sicherheit zu bringen. Seinem Gefühlszustand konnte man inzwischen definitiv nicht mehr den Status latent vergeben. Stockend versuchte ich ihr zu erklären, dass sie sich wirklich viel Mühe gegeben habe, aber dass wir einfach nicht ganz zusammenpassen. Freundlich lächelnd nahm sie stoisch die Kündigung an, so wie alles andere bisher auch, und verschwand. Kaum hatte sich die Tür geschlossen brach ich in Tränen aus. Ich heulte wie über den Verlust einer alten Verwandten. Zum ersten Mal in meinem Leben verspürte ich von ganzem Herzen tiefstes Verständnis und Mitgefühl für alle Personalmenschen auf dieser Erde. Ja, ich fühlte mich wirklich sehr böse, sehr gemein und unendlich erleichtert!

Unser Perle

Unsere zweite Ayi sollte die gesamte China-Zeit an unserer Seite bleiben. Das lag zum einen daran, weil sie leckere chinesische Speisen zaubern konnte und alle westlichen Speisen, die ich ihr beibrachte, perfekt nachkochen konnte. In Anbetracht unseres knapp verfehlten Hungertodes, nahm allein dieser Punkt uns schon sehr stark für sie ein. Mit den Kindern konnte sie prima umgehen, sie hatte einen lustigen Humor und stand mit dem Thema Wäsche nicht auf Kriegsfuß, auch wenn sie nicht mit derselben Begeisterung putzte wie ihre Vorgängerin.

Die Kinder lieben unsere Ayi

Die Kinder liebten sie und sie war mit ihnen äußerst geduldig, wenn auch anfangs zu geduldig. Die Wünsche und Befehle unserer Kinder standen über allem. Forderten sie von ihr Süßigkeiten, so wurden sie von ihr bei jeder Nachfrage und zu jeder Tageszeit umgehend damit versorgt. Sie ließ sich von ihnen als Reitpferd nutzen, stand als einhändige Fußmasseurin während des Essens zur Verfügung (Einhändig damit ich nichts davon mitbekomme und sie mit der anderen Hand weiteressen konnte) und ließ sich von den kleinen Prinzessinnen zum Zimmer aufräumen diktieren. Die Kinder und deren Wünsche hatten zu Anfang definitiv einen anderen Stellenwert bei ihr, als ich und meine Vorstellungen. Doch auch das fand sich irgendwann. Wobei noch heute diverse Geheimnisse zutage kommen, die sie den Kindern hinter meinem Rücken erlaubt hatte und die mir die Kinder erst jetzt – von Zeit zu Zeit – gestehen. Als Kind solch eine Verbündete zu haben, war mit Sicherheit eine feine Sachen.

Unsere Ayi macht mit der Großen Jiǎozi

Jiǎozi sind Teigtäschchen, ähnlich unseren schwäbischen Maultaschen, nur sehr viel kleiner. Es gibt sie mit einer Vielfalt an Füllungen. Besonders populär ist die Füllung mit Schnittknoblauch sie werden Jiucaijiao genannt, sehr gerne werden sie auch mit einem Hackfleischteig gefüllt gegessen. Die Jiǎozi werden kurz bevor man sie in den Mund schiebt, in Sojasoße oder Reisessig getaucht. Im Süden Chinas wird der Teig mit Reismehl zubereitet und die typische Füllung sind Shrimps, man kennt sie unter dem Namen Dim Sum. Das Reismehl macht den Teig transparent, deshalb werden sie übersetzt auch Kristall-Shrimpstaschen genannt. Meine Favoriten waren die Jiǎozi aus dem Norden, vermutlich weil sie den schwäbischen Maultaschen am ähnlichsten sind.


 

Jiǎozi gib es in allen Variationen

Interkultureller Austausch von Frau zu Frau

Unsere Ayi und ich hatten als Ritual, dass wir immer wieder, wenn Zeit war, ein Pläuschchen hielten. Sie erzählte von ihrem Leben, den Kindern und ihrem Mann, und ich vom Leben in Deutschland. Wir sprachen meist in einer Mischung aus Chinesisch und Englisch. So konnte ich mein Chinesisch und sie ihr Englisch üben, außerdem erfuhren wir auf diesem Weg viel über die Kultur des anderen. Es gab durchaus Parallelen die wir als Hausfrau und Mutter hatten und so unterhielten wir uns oft von Frau zu Frau. Wie erwähnt hatte sie einen lustigen Humor und wir lachten viel, entweder über Andersartigkeiten und Eigenheiten aus unserem jeweiligen Leben oder auch über die Dinge die sich oft überraschend ähnelten wie z.B. das Eheleben.

Mit  unserer Ayi gab es immer viel zu lachen – sie hat einen tollen Humor

Meine größte Herausforderung in Bezug auf Bedienstete war, einen Mittelweg aus Freundlichkeit und Bestimmtheit zu finden. Zuviel Gutmütigkeit lädt meist dazu ein, genau diese auszunutzen. Für beide Seiten ist es nicht einfach eine perfekte Balance aus Privatem und Beruflichen zu finden. Für die Angestellten wiederum, ist es sicher nicht leicht mit den Vorstellungen und Eigenheiten des Arbeitgebers klar zu kommen. Deshalb muss ich an dieser Stelle allen Menschen die in privaten Haushalten arbeiten, meine größte Hochachtung aussprechen. Es fordert sicher nicht wenig Geduld und zeitweise ein dickes Fell. So hatte auch unsere Ayi meinen größten Respekt.

Zurück in Deutschland wurde mir jedoch erst bewusst, dass nicht das was uns Hollywood und die Gebrüder Grimm präsentierten der größte Luxus ist, sondern das Gefühl von Freiheit, wenn man sein Heim tagsüber ganz alleine für sich hat und niemanden anweisen muss. In den ersten Monaten blieb ich mindestens einmal am Tag mitten in der Wohnung stehen und sagte: „Keiner da! Nur ich! Ich muss niemand anweisen und beaufsichtigen!“ Das Einzige was ich jedoch erst wieder unter Kontrolle bringen musste, war meine Lustlosigkeit und schlechte Laune, da ich den Dreck ja nun wieder selber wieder wegputzen durfte.

Und so geht es weiter …

Eine weitere Illusion gehört dem Thema Fahrer. In China wussten wir es wirklich zu schätzen einen Fahrer zu haben. Doch auch dieses Thema brachte so einige Überraschungen und Erlebnisse mit sich …

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6 thoughts on “LIVING IN CHINA — Gute Geister Teil I – Die Ayi

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