LIVING IN CHINA – Wohnen in Peking Slide 1
LIVING IN CHINA – Wohnen in Peking Slide 2
LIVING IN CHINA – Wohnen in Peking Slide 3

Wie wohnt man in Peking? Wie kann man sich das Leben dort vorstellen? Das waren wohl die am häufigsten gestellten Fragen bei unseren Besuchen in der Heimat. 

Möglichkeiten in Peking zu leben gibt es zur Genüge, ob im Wohnblock, im Hochhaus altbewährt im Hutongviertel mit seinen klassischen Courtyardhäusern, oder im Compound, um nur die Wichtigsten zu nennen.

Leben im Hutong

Hutong (hútong) kommt ursprünglich aus dem Mongolischen, von dem Wort „hottog“ was so viel wie „Quelle“ bedeutet, da diese Häuser meist in der Nähe eines Brunnens gebaut wurden. Es bedeutet aber auch „enge Gassen“. Die Hutongs setzten sich aus einer Vielzahl an Courtyardhäusern – sogenannten Sìhéyuàn – zusammen, die man durch enge, verwinkelte Gässchen erreicht. Dieses Sìhéyuàn, ist ein traditionelles Haus mit Innenhof, das an allen vier Himmelsrichtungen von Gebäuden umgeben ist. Das Wort Sì-hé-yuàn heißt übersetzt so viel wie: “vier-umschlossen-Innenhof”. Es ist nach den Regeln des Fengshui und in Rücksicht auf die alten Traditionen aufgebaut. Es repräsentierte traditionelle chinesische sowie gesellschaftliche Normen und orientiert sich an der konfuzianischen Ethik. Die Gebäude wurden nach bestimmten Regeln bewohnt, Kriterium dabei war unter anderem, welche Menge an Sonnenlicht das jeweilige Gebäude erreicht, z.B. im nördlichen Hauptgebäude war der Wohnraum und das Schlafzimmer der Eltern bzw. des Familienoberhaupts.

Innenhof eines Sìhéyuàn – Chinesisches Hofhaus

Die Hutongviertel sind ganz bezaubernd, wenn auch nicht immer ebenso komfortabel. Es gibt natürlich Sìhéyuàn die renoviert und mit modernen sanitären Anlagen ausgestattet sind, und meine romantische Seite hätte sich ein Leben dort sehr gut vorstellen können, meine praktische und bequeme Seite dagegen, stellte sich nur vor, wie wir im Winter bei bis zu -15 Grad über den Innenhof von Zimmer zu Zimmer gehen …

Somit entschied unsere pragmatische und bequeme Seite die Wohnsituation und wir entschieden uns für ein Wohnen im Compound. Unser Compound lag nahe zur Schule, Kindergarten und der Arbeitsstätte meines Mannes, außerdem bot das Leben im Compound manche Annehmlichkeit, auch wenn es an das authentischere Leben im Courtyardhaus – näher am Menschen und der Kultur – nicht herankam.

Mikrokosmos Compound

Ein Compound ist ein abgegrenztes und bewachtes Wohnviertel, eine Art Mikrokosmos inmitten einer Millionenmetropole, eine kleine Stadt mitten in der Großstadt. Die Häuser ähneln sich wie eine Ansammlung von Hausklone. Nur die zahlreichen Umbaumaßnahmen der Besitzer, schenken den Häusern eine gewisse Individualität. Zu jedem Haus gehört ein kleiner Garten, mit etwas Rasen und einigen Sträuchern. Dieses lästige Grün, wird von manchen chinesischen Bewohnern pflichtgemäß zubetoniert. Ob die Pflegeleichtigkeit oder eine andere Einstellung zur Natur dafür die Ursache ist, hat sich mir leider nie ganz erschlossen.

Unser Compound

Wie es sich für eine ordentliche Kleinstadt gehört, gibt es Spielplätze, Tennisplätze, Grünflächen und kleine Parks. Das Herz des Compounds ist das Clubhaus, hier laufen alle Fäden zusammen. Vielleicht zu vergleichen mit einer Art Ortsverwaltung, Bürgertreff, diverse Handwerksbetriebe und Freizeiteinrichtungen in einem. Hier gibt es einen Kindergarten, ein Schwimmbad, Räume mit Indoorspielen, ein Spielraum für die Kleinen, ein Café, Sitzecken und ein Gym. Das Allerwichtigste am Clubhaus jedoch, es ist der Anlaufpunkt für Probleme und Fragen rund ums Haus. Ähnlich wie im Hotel gibt es eine Rezeption, an der man seine Anliegen vorbringen kann, z.B. braucht man einen Handwerker, ruft man hier an und es kommt ein Handwerker – zumindest theoretisch.

Unser Schwimmbad – oben der Areobic- und Fitnessraum

 

Die Bewohner des Compounds sind ein Multikulti-Völkchen, bunt gemischt aus Deutschen, Schweden, Australiern, Amerikanern, Franzosen, Finnen … und man mag es kaum glauben, es gibt natürlich auch Chinesen. Der Tag im Compound beginnt mit regem Menschenaustausch. Die Männer und Kinder verlassen in ihren Autos und Schulbussen den Compound, im Gegenzug füllt er sich mit Workern und Ayis (chinesisch für Hausmädchen/Kinderfrau). Natürlich gibt es auch arbeitende Frauen die am Morgen den Compound verlassen. Etwas altertümlich, aber zumindest in der Compound-Welt ist es tatsächlich so, dass die meisten Frauen in erster Linie ihrer Aufgabe als „Tai tai“ nachgehen. „Tai tai“  ist die chinesische Bezeichnung für eine gut situierte Hausfrau oder wie Wikipedia es nett benennt: „wealthy married woman who does not work“. Wäre es nicht so furchtbar bequem und mit unglaublichen Vorteilen verbunden gewesen, hätte ich das Leben einer „Tai tai“ natürlich rigoros abgelehnt und als vollkommen altmodisch und spießig befunden. Aber manchmal kann es durchaus ganz schön sein in der Zeit zurück zu fallen, zumindest für einen gewissen Zeitraum. Aber auf das Leben einer „Tai tai“,  werde ich später in einem anderen BLOG-Post nochmals ausgiebiger eingehen.

Der Compound wird tagsüber also in erster Linie von Gōngrén (Workern), Ayis und Tai Tais (die im Moment nichts auswärts zu erledigen haben) bevölkert.

Leben wie im Zoo

Die Worker arbeiteten im Park, in den Gärten und an den Häusern. Es ist ein bisschen wie in einem Bienenkorb. Die Worker erinnerten mich immer an uns Frauen beim Toilettengang – man sieht sie praktisch nie alleine, nur in Grüppchen. Üblicherweise mindestens zu dritt oder am liebsten noch ein paar mehr. Sie ziehen von Haus zu Haus, um dort zu reparieren und Umbauarbeiten vorzunehmen, aber vor allem um das merkwürdige Leben der lǎowài (Langnase = Ausländer) zu bestaunen. Das tun sie ganz ungeniert. Wenn sie an unserem Garten vorbeikamen war es nicht ungewöhnlich, dass alle versammelt stehen blieben, ihre Schubkarre abstellten, sich auf ihre Schaufeln abstützen um uns mit offenem Mund, einem Grinsen im Gesicht, gerunzelter Stirn oder lachend, in aller Seelenruhe zu beobachteten. Manchmal machten sie auch direkt auf dem Rasen vor unserem Garten Mittagspause und dann wurde, während sie ihr Essen in den Mund schoben, gestaunt, gelacht und genauestens beobachtet und vermutlich kommentiert, was sich bei uns so tat. Zootiere hatten von jeher immer mein tiefstes Verständnis und Mitgefühl, doch jetzt konnte ich nochmals auf einer ganz neuen Ebene mit ihnen fühlen.

Das Rasenstück vor unserem Haus – dort verbrachten die Worker von Zeit zu Zeit ihre Mittagspause

Übrigens lǎowài heißt übersetzt eigentlich „alter Ausländer“ und Langnase wiederum cháng bízi, aber seit den 80iger Jahren ist lǎowài der gebräuchliche Begriff für uns Langnasen sprich Ausländer


Gefahr im Verzug

Tagsüber sieht man vor allem Ayis im Compound, die entweder Kleinkinder (die den Kindergarten noch nicht besuchen) oder Hunde sitten. Die Zuständigkeit einer Ayi variiert gewöhnlich, je nach Bedürfnis, Phantasie und Geldbeutel des Arbeitgebers. Haushalt und Kinder sind normalerweise die Hauptaufgabe einer Ayi, je nach Bedarf werden die Aufgaben und Tätigkeiten getauscht oder ergänzt. Es gibt z.B. Kindermädchen-Ayis, Haushalts-Ayis, Garten-Ayis, oder Hunde-Ayis, die dann tatsächlich nichts Anderes machen, als sich um ihre entsprechende Hauptaufgabe zu kümmern.

Den Hunde-Ayis fehlt allerdings, wie auch manchem Hunde-Besitzer, nicht selten die Erfahrung mit Hunden. Entsprechend crazy, verhält sich mancher Hund im Compound. Ich liebe Hunde, aber aufgrund diverser Kindheitserfahrungen, habe ich vor manchen Hunden einen Heidenrespekt, um nicht ehrlicherweise zu sagen, panische Angst. Als ich einmal draußen im Compound unterwegs war, kam ein riesiger Bernhardiner im Galopp auf mich zu gerannt. Sofort war ich komplett im Panikmodus. Außer meinen traumatischen Hunde-Kindheitserinnerungen, hatte ich zudem sofort Stephen Kings CUJO vor Augen. Ganz in meiner Nähe stand eine Chinesin neben ihrem Auto. Ihr erging es wohl ähnlich wie mir, zumindest sprang sie, als sich der Hund näherte, im Rekordtempo in ihr Auto. Ich glaube nicht, dass ich in diesem Moment wirklich nachdachte. Mein Körper reagierte nur und mein urzeitliches Schaltzentrum gab vermutlich folgende Befehle von sich: „Achtung! – Gefahr! – Schutz in Höhle suchen oder Ähnlichem!“  Ehrlich gesagt kann ich mich daran kein bisschen mehr erinnern. Was ich allerdings noch bis heute überdeutlich vor mir sehe ist, wie ich in Panik die Beifahrertür aufreiße, ins Auto der Chinesin hechte und die Tür in Schallgeschwindigkeit wieder zuknalle. Kaum in Sicherheit, wurde mein neuzeitliches Scham-Zentrum aktiviert. Ich blickte verschämt zu der Chinesin hinter dem Steuerrad, mit tiefrot gefärbten Gesicht und sagte. „Ohhh, I’m sorry! But I was sooo scarred!“  Sie prustete los und sagte in einer Mischung aus Chinesisch und Englisch: „Méiguānxì (macht nichts) Meee too!“  Und dann schauten wir gemeinsam nach draußen zu dem freundlich wedelnden Bernhardiner und einer heftigst schnaufenden Hunde-Ayi, die am Ende der Straße im Turbotempo und weit aufgerissenen Augen um die Ecke bog.

Tauschphase zwei

Außer den Ayis, den kleinen Kindern, Workern und Tai tais sind es vor allem die älteren Leute, die tagsüber den Compound bevölkern. Ich liebte es ihnen zuzuschauen, wenn sie gemächlich ihre Spaziergänge durch den Compound machten oder sie zu beobachten, wenn sie sich im Park trafen um dort ihre Qi Gong- oder Tai Qi-Übungen zu machen.

Treffpunkt der Älteren um spazieren zu gehen oder Qi Gong zu machen

Spätestens um 16.00 Uhr beginnt Phase II des Menschenaustauschs. Die Kinder kommen zurück aus dem Kindergarten und der Schule, die ersten Ayis verlassen den Compound und um 17 Uhr marschieren die Worker gesammelt wieder aus dem Compound und die Männer trudeln am Abend nach und nach wieder ein. Nachmittags und abends sind in erster Linie westliche Kinder draußen auf den Straßen und im Park beim Rennen und Spielen, zu sehen. Die chinesischen Kinder bekommt man nur höchst selten zu Gesicht, üblicherweise sitzen sie dann hinterm Schulbuch, Fernseher oder man hörte sie Klavier klimpern.

Parallelwelt

Was ich am Compoundleben außerdem sehr schätzte war, dass ich im im Clubhaus, also in Gehweite, mein geliebtes Yoga weitermachen konnte. Der Yogaunterricht war in Chinesisch, das brachte den Vorteil mit sich, dass ich meinen minimalistischen Chinesischwortschatz durch das eine oder andere Wort erweitern konnte, z.B. überlebenswichtige Worte wie xī qì (ein- atmen) und hūqì (ausatmen).

Blick vom Yoga-Raum aufs Schwimmbad

Außerdem kam ich so in Kontakt mit Chinesinnen. Während unserer Zeit in China hatte ich leider nie so viel und intensiv Kontakt zu Chinesen, wie ich es mir zuvor erhofft bzw. gewünscht hatte. Das lag daran, dass Expats (ins Ausland entsandte Arbeitskräfte plus familiärer Anhang) in Peking meist wie in einer Parallelwelt leben. Man lebt in einer Millionenstadt und doch ist es ein bisschen wie in einem Dorf, vor allem wenn man Kinder hat. Man bewegt sich die meiste Zeit innerhalb eines bestimmten Bereichs. Dieser Bereich erstreckt sich zwar durchaus über hunderte Quadratkilometer, aber man hat ganz häufig dieselben Anlaufpunkte, wie z.B. der internationale Supermarkt, ein bestimmtes Shoppingcenter, Kindergarten und Schule, Restaurants, Cafés, Blumenmärkte … Natürlich macht man auch Exkursionen außerhalb dieses Bereichs und bewegt sich quer durch Peking, doch der Großteil des Alltags spielt sich eben dort ab.

Selbstverständlich kann man mit Kindern in Peking auch eine andere Art von Leben führen, wie eine Bekannt von mir. Sie wohnte mit ihrer Familie inmitten der alten Hutongs. Was sie aus dieser Zeit berichtete war, ein enges Zusammenleben und Miteinander von Jung und Alt. Sie empfand es als ein sehr authentisches Leben. Das Leben im Hutong war auf jeden Fall für sehr lange Zeit in China absolute Normalität. Doch diese Art zu leben findet man – mit fortschreitenden Zuwachs an Hochhäusern und entsprechendem Schwund an Hutongs – heute immer seltener. Angesichts der großen Entfernungen zur Schule, zum Kindergarten und dem Arbeitsplatz sowie den nicht unwesentlichen täglichen Herausforderungen des Alltags, aufgrund des Umfelds und der Art des Wohnens, entschieden auch sie sich irgendwann für ein Leben im Compound.

Im Hutong findet das Leben auf der Straße statt

Bestens bewacht

Fast hätte ich einen ganz wesentlichen Teil des Compounds vergessen. Die Guards!  Wie ich bereits zu Anfang erwähnte, wird der Compound bewacht. Das Bewachen sowie noch diverse andere Dinge, ist Aufgabe der Guards. Fast jede Straße oder zumindest jeder größere Straßenzug ist mit ein bis zwei Guards versorgt. Sie verteilen sich somit über den gesamten Compound. In unserem Haus gab es mehrere Alarmknöpfe über die man im Notfall die Guards rufen konnte. Diese Notfallknöpfe wurden gewissenhaft 2-3 Mal jährlich auf ihre Funktionsfähigkeit überprüft. Jedes Mal wurde bei uns festgestellt, dass nur einer dieser Notfallknöpfe tatsächlich funktioniert. Mit viel Aufregung wurde dann hin und her telefoniert und über mehrere Tage immer wieder Worker vorbeigeschickt um dies zu beheben, nur um beim nächsten Überprüfungstermin genau dasselbe wieder festzustellen. Und das Spiel begann dann wieder aufs Neue. Falls ein Notfall eingetreten wäre und ich hätte tatsächlich einen funktionierenden Knopf erwischt, dann hätte ich mich vermutlich mehr um die aufgeregten und hilflosen Guards kümmern müssen, als andersherum. Aus diesem Grund war ich mit dem Dauerzustand der nicht-wirklich-funktionierenden-Knöpfe äußerst zufrieden.

Jeder Straßenzug wird bewacht

Dazu muss man wissen, die Guards sind fast ausschließlich blutjunge Männer vom Land, die froh sind einen Job zu haben. Sie tragen Uniformen, und wenn man an ihnen vorbeigeht bzw. -fährt salutieren sie. Ihre Uniformen und das Salutieren machen im ersten Moment Eindruck und vermittelt eine gewisse Seriosität. Dieser Eindruck kann sich allerdings, wenn man sie eine Weile beobachtete, nicht wirklich lange halten. Ihre Uniformen sind fast immer zu groß, entsprechend hilflos wirken sie darin. Fühlten sie sich unbeobachtet, so alberten sie herum wie junge Welpen und manchmal vergaßen sie für einige Zeit ihre eigentliche Aufgabe, und spielten mit den Compoundkids Fußball.

Bewaffnet sind sie mit einem Funkgerät. Zu ihren Aufgaben gehört – außer die Häuser oder den Compound zu bewachen – Besucher vorne an der Schranke zu kontrollieren und ihnen, sobald sie beim Hausbesitzer angerufen und eine Freigabe erhalten, Einlass zu gewähren und den Weg zu weisen. Erreichten sie niemand im Haus, so nahmen sie Kontakt über das Funkgerät auf und der zuständige Straßenguard klingelte an der Haustüre, um vor Ort zu klären ob der Besucher eingelassen werden darf.

Guard an der Schranke zum Compound

Realität war jedoch, dass jeder der mit selbstbewussten Gang auf das Tor und den Guard zusteuerte, einfach ohne Kontrolle in den Compound reinmarschieren konnte. Vor allem in unserer Anfangszeit. Unser Compound war nagelneu und das Guardteam alles andere als eingespielt.  Sie ließen jedes Auto, bei dem der Fahrer freundlich winkte, einfach durch. Auf vielfache Beschwerden der Compoundbewohner – man wollte ja zumindest ein gewisses Grundgefühl an Sicherheit wahren – wurden dann die Kontrollen verstärkt. Was bedeutete, ab diesem Zeitpunkt ließen die Guards tatsächlich nur noch Besucher durch, nachdem sie jemand im Haus erreicht und die Freigabe erhalten hatten.

Leider musste diese vorbildliche Neuerung, eine Freundin von mir bitter büßen. Wir hatten uns nachmittags mit den Kids bei uns verabredet. Meine Freundin hatte die Angewohnheit sich manchmal etwas zu verspäten. Daher war ich lange Zeit ganz entspannt und dachte, sie kommt schon irgendwann. Als sie allerdings über eine Stunde zu spät war wunderte ich mich dann doch. Gerade als ich nach meinem Handy suchen wollte um sie anzurufen, klingelte es Sturm an der Haustür. Als ich öffnete stand meine maximal erboste Freundin mit hochrotem Kopf vor der Haustüre, eskortiert von einer Schar aufgeregter Guards. Ich wusste in diesem Moment nicht was los war, außer dass ich jetzt erst mal die Guards beruhigen und loswerden musste, um mich um meine Freundin kümmern zu können. Ich wiederholte immer wieder „Yīqiè dōu hǎo“ in der Hoffnung, dass das tatsächlich auch „Alles in Ordnung“ hieß und machte dann einfach, nachdem sie nicht gehen wollten, die Tür hinter mir zu.

Es brauchte einige Tassen Tee und ein vielfaches Durchgehen der Situation, bis ich meine Freundin beruhigen konnte und wirklich verstand was passiert war. Sie hatte wie immer mit dem Auto am Gate gehalten und unsere Hausnummer genannt. “… ich habe wie immer die Hausnummer genannt, die Guards haben telefoniert … immer wieder hin und her … es hat eeewig lange gedauert und weißt du was sie dann gemacht haben??? Sie haben mich weggewedelt und immer wieder gesagt: “Bu Kěyǐ!! – Nicht möglich!”  Ich müsse wieder gehen, denn sie hätten niemand erreicht. “Méiyǒu rén zàijiā! – Niemand daheim!” Meine Freundin weigerte sich natürlich zu gehen, da sie wusste ich warte und schließlich wollte sie mich ja auch besuchen.

Aber warum in aller Welt hat mich niemand angerufen? Das Telefon hat kein einziges Mal geklingelt!“ , fragte ich sie verwundert. Kaum ausgesprochen, schwante mir unmittelbar die Ursache. Ich sprang auf, hob den Telefonhörer vom Festnetz ab und wie befürchtet teilte mir die freundliche Dame von der chinesischen Telefongesellschaft, erst auf Chinesisch dann auf Englisch mit, dass ich erst mein Telefon wieder aufladen müsse.

Der Festanschluss in China funktioniert so ähnlich wie bei uns das Prepaid-Handy. Man muss regelmäßig im Clubhaus, an einer Art Bankautomat die Telefongebühr im Voraus bezahlen. So etwas wie einen Dauerauftrag gibt es nicht. Immer wieder mal vergaß ich, im Trubel des Alltags und weil ich das Aufladen schlichtweg noch immer nicht richtig auf dem Schirm hatte, das Telefon aufzuladen. So auch dieses Mal. Das erklärte, weshalb keiner angerufen hatte, aber nicht, wieso keiner der Guards an der Haustür klingelte. Doch dazu hatte ich recht schnell eine These. Bei den Guards herrschte meist ein reger Wechsel, ständig sah man neue Gesichter, so blieb zu vermuten, dass es neue Guards waren, die schlichtweg nicht wussten, dass es auch die Möglichkeit gab per Funk jemanden zum Haus zu schicken … oder sie hatten es ganz einfach vergessen …?!?

“Aber du hättest doch mich auf dem Handy anrufen können!  Auf diesen Satz erntete ich einen seeehr langen und alles sagenden Blick von meiner Freundin, der ziemlich schnell den nächsten Groschen bei mir fallen ließ. Nach kurzem Überprüfen meines Handys bestätigte sich  – Der Akku war leer! Oh man, wie viele blöde Verknüpfungen können denn zusammen kommen!

Resultat dieser ganzen Verknüpfungen war … eine geschlagene Stunde stand meine Freundin am Gate, sie diskutierte und verhandelte mit den Guards und war alles andere als gewillt aufzugeben. Irgendwann schließlich, bar jeden Auswegs und randvoll mit Wut gefüllt, stieg sie zurück in ihr Auto und gab – wie in einem amerikanischen Actionfilm – einfach Gas und fuhr mit Maximalgeschwindigkeit auf das Gate zu. Das Gate öffnete sich angesichts der Situation in Blitzgeschwindigkeit und ohne nur ein bisschen zu bremsen rauschte sie an den sprachlosen Guards vorbei. Nach einem kurzen Schockmoment nahmen sie umgehend die Verfolgung auf… In diesem Moment konnte ich mich vor Lachen nicht mehr halten, die Vorstellung wie meine Freundin auf das Gate zuhielt und die schockierten Gesichter der Guards … kein Wunder hatten sie sich vorhin nicht abwimmeln lassen.

Dieser Vorfall hat unserer Freundschaft Gott sei Dank keinen Abbruch getan. Im Gegenteil, sie gehört zu meinen liebsten Freunden aus dieser Zeit. Wenn wir heute über diesen Vorfall sprechen, flackert bei ihr immer noch für einen kurzen Moment die Fassungslosigkeit von damals auf, aber vor allem lachen wir darüber, wie über so manch andere verrückte Situation die wir gemeinsam während unsere Zeit in China erlebte haben.

Nachdem sich ähnliche Vorfälle wie bei meiner Freundin bei anderen Compoundbewohnern häuften, war schon bald wieder alles beim Alten und ein strammer Gang oder ein freundliches Winken reichte und man bekam wieder problemlos Einlass im Compound.

Und so geht es weiter …

Wer träumt ihn nicht den Traum seine eigenen Bediensteten zu haben. Wie die Realität dieses Luxus tatsächlich aussieht …

DU MÖCHTEST AUF KEINEN FALL VERPASSEN WIE ES WEITERGEHT?

Name und Adresse eintragen und los geht’s!

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